Interview mit Sanofi-Betriebsrätin

"Einfach dranbleiben"

Warum verdienen Frauen im Schnitt weniger als Männer? Was können Frauen tun, die sich ungerecht behandelt fühlen? Und wie können Betriebsräte ihnen dabei helfen? Anlässlich des "Equal Pay Day" am 21. März haben die IG-BCE-Redakteure Julia Osterwald und Alexander Nortrup mit Sanofi-Betriebsrätin Helga Landgraf über genau diese Fragen gesprochen.

Christian Burkert

Sanofi-Aventis-Betriebsrätin Helga Landgraf im Gespräch
20.03.2013
  • Von: Julia Osterwald

Sind Frauen nach wie vor schlechter gestellt als Männer?¿
Ja, das sind sie.

Auf welche Erfahrungswerte berufen Sie sich dabei?¿
Wir haben es überprüft. Mehrmals. Wir haben uns Daten aus den einzelnen Bereichen geben lassen, dem Kaufmännischen, dem Laborbereich, aus Produktion und Fertigung, und immer das Gleiche gefragt: Wie viele Männer und wie viele Frauen sind in den jeweiligen Bereichen beschäftigt? Wie alt sind sie? Wie sind sie eingruppiert? Welchen Beruf üben sie aus? Sind sie in Voll- oder Teilzeit beschäftigt? Haben sie individuelle Zulagen? Wir haben uns diese Zahlen angeschaut und festgestellt, dass die Frauen in jedem Bereich bis auf einen im Durchschnitt weniger verdienten als die Männer. Und sie haben wesentlich seltener in Führungspositionen gearbeitet.

Und haben Sie Erklärungen dafür gefunden?¿
Es gab unterschiedliche Gründe, sehr individuelle Gründe: Weil die eine Frau in Erziehungszeit war, die andere nicht wollte. Dem Vorgesetzten, der immer nur Männer eingestellt und gefördert hat, ist natürlich keine Begründung mehr eingefallen, das ist ja auch schon grob fahrlässig. Nur müsste in so einem Fall jemand klagen, und das passiert selten. Was ich immer wieder festgestellt habe, ist, dass Frauen, die aus der Erziehungszeit zurückkommen, so dankbar sind, dass sie sich nicht mehr trauen, Ansprüche zu stellen. Ich bestärke diese Frauen darin, ihren Karriereweg weiterzugehen. Es gibt keinen Grund, zurückzustecken. Diese Frauen haben eine gute Ausbildung und Kompetenz, das sollten sie als Pfund nehmen.

Was haben Sie als Betriebsrat mit den Ergebnissen dieser Auswertung angefangen?¿
Wir sind damit zu den Vorgesetzten gegangen und haben sie darauf hingewiesen, dass etwas im Argen liegt. Wir hatten auch Beispiele von Abteilungen, die gut strukturiert waren, wo es Möglichkeiten zur Umschulung und Weiterbildung gab, wo Frauen gezielt darin unterstützt wurden, dass sie Teamleiterinnen wurden. Aber wo das nicht der Fall war, haben wir mit den jeweiligen Vorgesetzten gesprochen. Das muss man tun, in jedem einzelnen Fall.

Das heißt, ein engagierter, starker Betriebsrat ist nötig, damit sich etwas ändern kann?¿
Ja, das würde ich sagen.

Christian Burkert

Sanofi-Aventis-Betriebsrätin Helga Landgraf im Gespräch
Nun tragen ja aber auch die Unternehmen eine gewisse Verantwortung…

¿Natürlich. Unsere Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat haben sich das jetzt beispielsweise zum Thema gemacht und danach gefragt, wie es bei Sanofi Aventis in Deutschland eigentlich um die Gleichstellung steht. Wir haben zwar den Begriff des »Gender Balance« im Unternehmen, aber da ist bisher noch nicht viel passiert, zumindest in Deutschland nicht. Es gibt zwar schon Einiges vorzuweisen, das geht aber mehr in Richtung »Vereinbarkeit von Beruf und Familie«. Wir suchen noch nach den Strukturen und der Logik, anhand der man bemessen kann, was Männer und Frauen wirklich verdienen.

Und zu welchem Ergebnis ist der Aufsichtsrat gekommen?¿
Er fand, dass noch Handlungsbedarf besteht. Deshalb wurde jetzt eine paritätische Kommission gegründet mit je vier Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretern, die wiederum paritätisch besetzte Projektteams ins Leben gerufen haben, von denen sich das eine mit der Entgeltanalyse beschäftigt. Ich verspreche mir viel von diesem neuen Prozess. Der Aufsichtsrat hat sich weit aus dem Fenster gelehnt, jetzt muss er auch etwas bringen. 

Ist es Ihnen selbst schon einmal so gegangen, dass Sie weniger verdient haben als ein männlicher Kollege?¿
Ich bin jetzt schon lange im Unternehmen, habe gerade mein 40-jähriges Dienstjubiläum gefeiert. Aber ich könnte eigentlich nicht sagen, dass ich mir schon mal Gedanken darüber gemacht habe, was der eine oder andere Kollege mehr verdient. Ich hatte mal einen Chef, der nicht so sehr die Frauen gefördert hat, sondern eher die männlichen Kollegen. Das war so ein Seilschaften-Mensch. Das habe ich aber auch erst mit ein bisschen Abstand gemerkt. Dann hatte ich eine Chefin und damit wurde das anders, die hat dann auch die Frauen gefördert. wir hatten sechs Teams, und davon waren vier Teamleiterinnen, zwei davon in Teilzeit.

Heißt das, dass eigentlich nur alles besser werden kann, wenn mehr Frauen in Führungspositionen sind? Oder ist das zu einfach? 
¿
Es ist zu einfach. In dem Fall hat es mal gestimmt, aber es gab auch Fälle, in denen es nicht gestimmt hat. Es gibt genauso mal eine unfähige Frau wie es unfähige Männer gibt. Man muss den Frauen aber auch die Chance geben, sich zu bewähren. Es wird ja nicht immer geschaut, welcher Mitarbeiter am besten für welchen Job geeignet ist. Da spielen Seilschaften und Netzwerke eine Rolle. Oft sind das Haifischbecken. Und diese Seilschaften und Netzwerke haben eben Frauen in dem Maße nicht.

Aber ist denn da eine Quote eine gute Lösung?
Ich hätte nichts gegen eine Quote. Ich bin der Meinung, wenn sich so nichts ändert, dann muss etwas in der Richtung kommen. Man sieht ja, die einzigen Frauen in den Aufsichtsräten kommen von den Gewerkschaften, da muss wirklich was passieren.

Warum engagieren Sie sich überhaupt?
Ich bin Gewerkschafterin, Jugendvertreterin und Schulsprecherin gewesen, und habe das auch immer gerne gemacht – mich um unsere Anliegen gekümmert, mich für die Entrechteten und Geknechteten eingesetzt. Gerade das Engagement für Frauen- und Gleichstellungsfragen war und ist hoch politisch und sehr facettenreich. Das reizt mich. Und wir haben schon viel erreicht.

Christian Burkert

Sanofi-Aventis-Betriebsrätin Helga Landgraf im Gespräch
Können Sie aus heutiger Sicht sagen, an welcher Stelle und für wen diese ganzen Bemühungen eine echte Verbesserung gebracht haben?

Ich merke, dass die Frauen entwickelt werden und dass sowohl die Personalabteilung als auch die Vorgesetzten wissen, dass wir immer mal wieder auf die Zahlen schauen und darauf hinweisen, wo Schwachstellen sind, wo etwas verbesserungswürdig ist, und wo sich nichts getan hat. Dadurch verändert sich etwas. Die Veränderungen sind natürlich schwer messbar, das Ganze ist ein Prozess, aber die Kultur im Unternehmen verändert sich – und das gipfelt eben jetzt darin, dass unsere Kollegen im Aufsichtsrat die richtigen Fragen gestellt haben. Ich würde mir wünschen – und das ist durchaus als Appell zu verstehen –, dass unsere Kollegen in anderen Aufsichtsräten das auch mal probieren. Sie haben eine Wirkungskraft, die ich als Betriebsrat gar nicht mobilisieren kann.   

Denken Sie, dass der Vorschlag der IG BCE, im Betriebsverfassungsgesetz die Einflussmöglichkeiten der Betriebsräte zu erweitern, auch für die Themen Gleichstellung und Equal Pay eine Bedeutung hat?
Das denke ich auf jeden Fall. Es reden sich ja manche damit raus, dass sie keine entsprechenden Daten oder keine Planung haben, das können die dann nicht mehr. Wenn es ein entsprechendes Mitbestimmungsrecht gibt, kann man Leute nicht mehr einfach umgruppieren oder entwickeln, wie man will. Das muss dann alles abgestimmt werden.

Was würden Sie generell denjenigen raten, die die Benachteiligung von Frauen ändern wollen?
Man muss hingucken, akribisch Daten sammeln, die Defizite und Ungleichheiten erkennen und benennen, sagen »Hier stimmt etwas nicht«, und dranbleiben. Einfach dranbleiben.

Helga Landgraf (59) ist Betriebsratsmitglied bei Sanofi Aventis und war bis Februar 2013 Mitglied im Bundesfrauenausschuss. Die gelernte Einzelhandelskauffrau arbeitet jetzt, nach über 30-jähriger Tätigkeit als Ländersachbearbeiterin bei Sanofi Aventis, dort als Fachangestellte für den Betriebsrat. Gemeinsam mit ihren Betriebsratskollegen setzt sie sich besonders für die Themen „Gleichstellung“ und „Equal Pay“ ein.

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